Als ich 2003 im Fundraising begann, spielten Briefpost und persönliche Gespräche noch eine zentrale Rolle. Kampagnen brauchten Zeit. Ein Gespräch konnte eine Absicht auslösen, doch die Spende traf manchmal erst Tage später ein – nach der Rückkehr nach Hause, der Lektüre eines Dokuments und einem Gang zur Bank oder Post.
Heute können wenige Sekunden genügen. Jemand entdeckt eine Organisation auf dem Smartphone, sieht ein Video, folgt einem Link und spendet per Karte oder mobilem Bezahldienst. Die QR-Rechnung hat den Einzahlungsschein ersetzt. Soziale Netzwerke machen Menschen zu Botschafterinnen und Botschaftern einer Sache. Künstliche Intelligenz kann inzwischen schreiben, übersetzen, analysieren und Kampagnen vorschlagen.
Seit 2003 habe ich erlebt, wie die Beziehung zwischen Organisationen und ihren Gemeinschaften schneller, messbarer und zugleich fragmentierter wurde. Diese Entwicklung bildet den roten Faden meines Buches Vertrauen im digitalen Zeitalter.
Technologie verkürzt den Weg, schafft aber keine Grosszügigkeit
Der Nonprofit-Sektor spricht viel über Innovation – aus gutem Grund. Neue Werkzeuge können wiederkehrende Aufgaben automatisieren, das Verständnis für Spenderinnen und Spender verbessern, Zahlungen vereinfachen, neue Zielgruppen erreichen und Inhalte schneller produzieren.
Doch ein Werkzeug schafft keine Beziehung. Ein CRM kann die Geschichte einer spendenden Person speichern; es entscheidet nicht, wie eine Organisation diese Beziehung pflegen will. Ein Dashboard kann Hunderte Kennzahlen anzeigen; es entscheidet nicht, welche davon für die Führung wirklich relevant sind.
Künstliche Intelligenz kann einen sehr guten ersten Entwurf liefern. Sie kennt weder die Geschichte der Organisation noch ihre Partner oder die Realität vor Ort. Sie trägt keine moralische Verantwortung. Technologie kann den Weg zur Spende verkürzen. Vertrauen, Emotion und Handlungsbereitschaft kann sie nicht erzeugen.
Digitale Transformationen scheitern selten an der Software
Ich habe Organisationen gesehen, die grosse Summen in neue Websites, CRM-Systeme oder vermeintlich revolutionäre Plattformen investierten. Einige Monate später verschickten die Teams weiterhin Excel-Dateien per E-Mail.
Die Software war nicht zwingend das Problem. Digitale Projekte scheitern oft, weil Werkzeuge modernisiert werden, ohne Strategie, Prozesse, Governance und Zusammenarbeit zu hinterfragen. Technische Schwierigkeiten sind häufig die sichtbaren Folgen unklarer Prioritäten, diffuser Verantwortlichkeiten, fehlender Weiterbildung oder einer nicht geteilten Vision.
Die erste Frage sollte nicht lauten: «Welche Software sollen wir kaufen?» Sondern: «Welches Problem wollen wir lösen und welche Beziehung möchten wir zu unseren Gemeinschaften aufbauen?»
Die stärksten Organisationen besitzen nicht immer die besten Werkzeuge
Nach mehr als zwanzig Jahren im Austausch mit Vereinen, Stiftungen und Fundraising-Teams habe ich etwas Überraschendes beobachtet. Die Organisationen, die am wirksamsten vorankommen, sind nicht immer die grössten, reichsten oder technisch am besten ausgestatteten.
- Ein klarer Auftrag, den die Teams verstehen.
- Kohärente Entscheidungen und eindeutige Verantwortlichkeiten.
- Die Fähigkeit zu experimentieren, zu messen und zu lernen.
- Den Mut, auf ein Werkzeug zu verzichten, wenn es Ressourcen zerstreut.
- Eine kontinuierliche Beziehung zu Spendenden, Freiwilligen und Partnern.
Ihr eigentlicher Vorteil liegt in der Fähigkeit, schneller zu lernen, Gemeinschaften zuzuhören und Gewohnheiten zu hinterfragen. Innovation ist kein punktuelles Projekt. Sie wird zu einer gemeinsamen Kompetenz.
Künstliche Intelligenz eröffnet eine neue Etappe
KI löst dieselben Reaktionen aus wie frühere Übergänge: Begeisterung, Sorge, übertriebene Versprechen und Angst vor dem Verschwinden von Berufen. Doch dieser Wandel ist besonders. Das Internet veränderte vor allem die Kommunikation. KI greift zusätzlich in Wissensproduktion, Analyse, Übersetzung, Gestaltung und Entscheidungsvorbereitung ein.
Gerade für kleinere Organisationen ohne grosse Fachteams bietet sie echte Chancen. Sie kann Zeit sparen und bestimmte Kompetenzen zugänglicher machen. Die zentrale Frage ist aber nicht mehr, ob NGOs KI einsetzen werden. Sie hält bereits Einzug in den Alltag.
Wie kann künstliche Intelligenz den Auftrag stärken, ohne die menschliche Beziehung zu schwächen, die den grössten Wert des Sektors ausmacht?
KI grundsätzlich abzulehnen wäre ein Fehler. Ihr menschliches Urteil, Beziehungen und Verantwortung zu schnell zu überlassen, wäre ein anderer.
Nicht alles, was digitalisiert werden kann, sollte digitalisiert werden
Fortschritt wird häufig als Einbahnstrasse zu mehr Automatisierung, mehr Daten und mehr Geschwindigkeit dargestellt. Manche Erfahrungen verlieren jedoch ihren Wert, wenn sie vollständig auf einen Bildschirm verlagert werden.
Ein schwieriges Gespräch, die Begegnung mit einer spendenden Person, eine Begleitung oder ein Moment der Anerkennung lassen sich nicht immer auf einen effizienteren Prozess reduzieren. Seit 2003 waren die nützlichsten Innovationen für mich jene, die Arbeit vereinfachten, ohne die Beziehung auszulöschen.
Vor jedem digitalen Projekt sollte eine Organisation auch fragen: Was könnten wir verlieren, wenn wir Zeit gewinnen?
Ein Buch, das aus dieser Transformation entstanden ist
Vertrauen im digitalen Zeitalter zeichnet die Entwicklung des Fundraisings von meinen Anfängen 2003 bis zur künstlichen Intelligenz nach. Es behandelt veränderte Spendengewohnheiten, Psychologie, Vertrauen, typische Fehler der Transformation, lernfähige Organisationen und Entscheidungen, die das Fundraising von morgen prägen werden.
Das Buch versucht nicht vorherzusagen, welche Werkzeuge in zehn Jahren dominieren. Sein Ziel ist einfacher: Organisationen dabei zu helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, Technologie mit Urteilskraft einzusetzen und nie aus den Augen zu verlieren, warum sie existieren.
Die Werkzeuge werden sich weiter verändern. Vertrauen bleibt das eigentliche Kapital des Fundraisings.